#Thomas Schmidinger#
Nachdem Truppen der syrischen Übergangsregierung die kurdischen Viertel von Aleppo erobert hatten, überschlugen sich die Ereignisse im Nordosten Syriens
Im Gastblogbeitrag schreibt Politikwissenschafter Thomas Schmidinger, dass der rasche Abfall zentraler arabischer Stämme, der militärische Vormarsch der syrischen Übergangsregierung und ein darauf folgender Waffenstillstand die De-facto-Autonomie der kurdisch dominierten Demokratischen Administration Nord- und Ostsyriens beendeten und Rojava damit vorerst Geschichte ist.
Am Samstag hatte die Führung des arabischen Shammar-Stammes in Syrien, die seit Jahren zu den wichtigsten arabischen Verbündeten der kurdischen Volks- und Frauenverteidigungseinheiten YPG und YPJ zählten, ihre Unterstützung für die kurdisch dominierte Demokratische Administration Nord- und Ostsyriens (DAANES) offiziell zurückgezogen und die Übergangsregierung in Damaskus anerkannt.
Sonntag früh begann schließlich die Übernahme der arabischsprachigen Gebiete der DAANES durch die Regierung in Damaskus. Während Einheiten, die gegenüber dem syrischen Übergangspräsidenten Ahmed al-Sharaa loyal sind, in den frühen Morgenstunden des Sonntags in der Provinz Deir az-Zor den Euphrat überschritten und damit das bisher von den kurdisch dominierten Syrischen Demokratischen Kräften (SDF) kontrollierten Gebiet angriffen, übernahmen Kämpfer unterschiedlicher arabischer Stämme Gebiete entlang des Euphrats. Um einen Angriff auf Raqqa, der ehemaligen Hauptstadt des Islamischen Staates, zu verhindert sprengten die SDF eine wichtige, erst 2024 wieder errichtete Brücke über den Euphrat. Zugleich brach aber in der Stadt selbst ein arabischer Aufstand los. Bis zu Mittag hatten die SDF weitgehend die Kontrolle über das östliche Euphrat-Tal, die in der Provinz Deir az-Zor gelegenen Ölquellen und große Teile ihrer arabischen Einheiten verloren. Im Laufe des Nachmittags mussten sich die SDF dann auch aus Raqqa zurückziehen.
Damit standen die wichtigsten arabischen Regionen der DAANES innerhalb weniger Stunden unter Kontrolle arabischer tribaler Einheiten, die im Bündnis mit der Übergangsregierung in Damaskus agierten. Ganze Einheiten arabischer Verbündeter der Kurden lösten sich auf.
Konservative arabische Stämme
Die Situation in Deir az-Zor war schön länger prekär. Die Herrschaft der DAANES basierte dort, seit die SDF das Gebiet zwischen 2017 und 2019 vom Islamischen Staat erobert hatte, auf einem Bündnis mit lokalen arabischen Stämmen, die weniger aus politischer Überzeugung, denn aus Opportunitätsüberlegungen mit den Kurden kooperierten. Dabei hatten einige der arabischen Bündnispartner der Kurden eine illustre politische Karriere hinter sich.
Die Region Deir az-Zor gehörte immer zu den konservativsten Regionen Syriens und war sehr viel stärker von Stämmen geprägt als der Westen des Landes. Sowohl die Sozialstruktur als auch der arabische Dialekt der Region gleichen eher jener des Zentralirak als den Arabern im Westen Syriens. Politisch gab es hier schon in den 1990er-Jahren Sympathien für den irakischen Baathismus unter Saddam Hussein und später für den dschihadistischen Aufstand im Irak, dessen Nachschubwege über genau diese Region liefen. Einige der arabischen Stämme der Region gehörten zu den ersten, die mit dem Islamischen Staat kooperierten, allerdings auch wieder die Seiten wechselten, wenn es in deren Interesse lag.
Der Loyalität dieser Stämme konnte sich nie jemand sicher sein. Illustrativ für die politischen Loyalitäten in dieser Region ist die Karriere von Ahmed Khbeil, alias Abu Khawla, der seine Karriere als Krimineller begann, dann 2013 ein Brigade der Freien Syrien Armee (FSA) aufbaute, zum Islamischen Staat überlief, nach der Ermordung seines Bruders in die Türkei flüchtete und ab 2016 als Verbündeter der Kurden zu den Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) wechselte, ehe er aufgrund krimineller Aktivitäten 2023 verhaftet wurde. Seine damalige Verhaftung sorgte für Spannungen zwischen arabischen Stämmen und der SDF und einigen kleineren Scharmützeln in der Region.
Der Loyalität ihrer arabischen Verbündeten waren sich die kurdischen Einheiten innerhalb der SDF nie ganz sicher, auch wenn nach außen hin immer die Einigkeit und Brüderlichkeit betont wurde. Mit der Durchsetzung eigener ideologischer Positionen in der Region blieben die Kurdinnen und Kurden sehr zurückhaltend. Die feministische Ideologie der regierenden kurdischen Partei, der Demokratischen Unionspartei (PYD), hätte die konservativen arabischen Stämme schon viel früher gegen die DAANES aufgebracht. So blieb diese Allianz ein prekäres Bündnis.
#Arabischer Aufstand#
Die jetzt so rasch erfolgende Übernahme dieser Gebiete basiert im Wesentlichen auf einem Bündnis aus diesen konservativen arabischen Stämmen und den Regierungstruppen. Die SDF hat zwar nicht alle ihre arabischen Verbündeten verloren, allerdings die relevanten Teile davon.
Dass sich selbst die Shammar mit den seit 2013 existierenden al-Sanādīd Milizen, die die Stammesgebiete der Shammar im Osten der Provinz Hasaka kontrollieren, von der DAANES abgewendet haben, zeigt, dass es der regierenden kurdischen PYD nicht gelungen ist, relevante arabische Kräfte auf Dauer an sich zu binden.
Die 2015 gebildeten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) blieben ein zeitlich befristetes Zweckbündnis, das die arabischen Stämme nur so lange an sich binden könnte, solange diese darin eine für sie selbst sinnvolle Alternative sahen. Mit dem Sieg über den Islamischen Staat und dem Zusammenbruch des Assad-Regimes waren wesentliche Gründe für dieses Zweckbündnis nicht mehr vorhanden. Der sunnitische Islamismus und arabische Nationalismus des neuen Regimes in Damaskus entspricht den gesellschaftspolitischen Positionen der sunnitisch-arabischen Stämme der Region weit eher als der sozialistische Feminismus der kurdisch dominierten DAANES.
Eine Rolle spielte dabei aber auch sicher die Türkei, die von Anfang an auf eine Übernahme der DAANES durch das Übergangsregime in Damaskus und ein Ende der kurdisch dominierten Autonomie drängte. Dass die DAANES im Laufe des letzten Jahres auf Infiltrationsversuche aus Damaskus und Ankara primär mit Repression reagierte, half nicht, das arabisch-kurdische Verhältnis zu verbessern, sondern verstärkte nur die ohnehin schon vorhandene Entfremdung zwischen Kurden und Arabern in Nordost-Syrien.
#Waffenstillstand#
Nach dem Zusammenbruch der DAANES in den meisten arabischen Gebieten wurde am Sonntagabend schließlich ein Waffenstillstand zwischen Ahmed al-Sharaa und dem Oberkommandierenden der SDF, Mazlum Abdi, ausgehandelt.
Der Waffenstillstand inkludiert den Rückzug aller militärischen Formationen der SDF östlich des Euphrats, die vollständige und sofortige administrative und militärische Übergabe der Provinzen Deir ez-Zor und Raqqa an die syrische Regierung und die Integration aller zivilen Institutionen in der Provinz Hasaka in die Institutionen des syrischen Staates und seine Verwaltungsstrukturen.
Das Abkommen legt auch die Beibehaltung einer lokalen Polizeikraft für Kobanê fest.
Weiters übernimmt nach dem Waffenstillstandsabkommen die syrische Regierung die Kontrolle über alle Grenzübergänge und die Öl- und Gasfelder in der Region. Die Syrischen Demokratischen Kräfte sollen auf individueller Basis vollständig in die Strukturen des syrischen Verteidigungs- und Innenministeriums integriert werden. Im Wesentlich soll über die Ernennung eines Kandidaten für das Amt des Gouverneurs von Hasakah eine Garantie für politische Teilhabe und lokale Vertretung der Kurden geschaffen werden. Für diese Position war bislang informell vom bisherigen SDF-Oberkommandierenden Mazlum Abdi die Rede.
Zur Provinz Hasaka gehören allerdings nur die östlichen kurdisch besiedelten Gebiete, nicht die Region um die Stadt Kobanê, die 2014 durch den Kampf gegen den Islamischen Staat internationale Bekanntheit erlangte. Der Distrikt Ain al-Arab, wie Stadt und Distrikt offiziell auf Arabisch heißen, gehört zum Gouvernement Aleppo. Von dort soll, dem Abkommen gemäß, die starke militärische Präsenz der SDF abziehen und eine ausschließlich aus lokalen Einwohnern gebildete Sicherheitskraft geschaffen werden. Immerhin legt das Abkommen aber auch die Beibehaltung einer lokalen Polizeikraft, die administrativ dem syrischen Innenministerium unterstellt ist, für Kobanê fest.
Weiters wurde die Übergabe der IS-Gefangenen und Lager an die syrische Regierung vereinbart. Die SDF soll eine Liste von Kandidaten für hochrangige militärische, sicherheitspolitische und zivile Positionen innerhalb der zentralen Staatsstruktur vorlegen, um, wie es heißt eine nationale Partnerschaft zu gewährleisten.
Schließlich wird das Präsidialdekret Nr. 13 von 2026 ausdrücklich begrüßt, das eine gewisse Anerkennung der kulturellen und sprachlichen Rechte der Kurden inkludiert. Die SDF verpflichtet sich dazu, alle nicht syrischen Führer und nicht syrischen Mitglieder der Kurdischen Arbeiterpartei (PKK) aus ihren Reihen zu entfernen. Der syrische Staat verpflichtet sich dem Abkommen gemäß, den Kampf gegen den Terrorismus (ISIS) fortzusetzen, um die Sicherheit und Stabilität der Region zu gewährleisten und auf eine Einigung über die sichere und würdige Rückkehr der Bewohner von Afrin und den kurdischen Vierteln von Aleppo hinzuarbeiten.
Das Abkommen beendet damit vorerst die Kämpfe und schützt die Zivilbevölkerung. Es beendet aber auch die De-facto-Autonomie der syrischen Kurden, wie wir sie bisher kannten, und das ohne, dass es für die Versprechungen des neuen Regimes irgendwelche Sicherheitsgarantien gäbe.
Die Autonomie Rojavas, wie sie sich seit 2012 entwickeln konnte, ist damit vorerst Geschichte. Es wird sich in den nächsten Monaten zeigen, wie viel von den kulturellen und politischen Rechten sich die syrischen Kurden im neuen syrischen Staat noch bewahren werden können. Auch wenn die militärischen Kämpfe nun vorerst zu einem Ende kommen sollten, werden die politischen Kämpfe andauern. (Thomas Schmidinger, 19.1.2026).
Thomas Schmidinger ist Politikwissenschafter, Sozial- und Kulturanthropologe und Mitglied des Forschungszentrums Religion and Transformation in Contemporary Society. Er ist Associate Professor an der University of Kurdistan Hawler im irakisch-kurdischen Erbil und lehrt an der FH Oberösterreich und an der Uni Wien.[1]